Der Film

“Mia ist eine junge, kreative und lebensfrohe Frau.
Ehrgeizig und euphorisch blickt sie in die Zukunft und auf das, was das Leben noch für sie bereithalten mag.
Sie geniesst ihr Leben sorglos; aktiv und humorvoll bestreitet sie die Anforderungen, die das Leben nunmal an uns stellt, wenn wir älter werden.
Doch mit dieser Anforderung hat sie nicht gerechnet.
Mia wird krank – und sieht sich fortan in einem andauernden Kampf gegen die Krankheit, welche zunehmend Besitz über ihren Körper und ihre Psyche ergreift, Tag um Tag ein Stück mehr von Mias Wesen verschlingt und sich zu Eigen macht, bis von ihr kaum mehr als ein Schatten ihrer selbst übrig bleibt.
Immer wieder sieht sie sich mit ihren Erinnerungen an ein unbeschwertes, fröhliches und zufriedenes Leben konfrontiert.
Ohnmächtig, sich aus der eigenen Misere zu befreien, werden diese Bilder bald mehr zur Belastung, als zum Ansporn und ihr eigener Perfektionismus drängt sie binnen kürzester Zeit in die Ecke der völligen Isolation gegenüber ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt.
Bis Mia lernt, sich am tiefsten Punkt ihres bisherigen Lebens von alten Mustern zu lösen, sich wieder neu zu begegnen und wertzuschätzen.”

Muss man sich eigentlich erst verlieren, um zu sich selbst zu finden?

Die Phrase, dass man eine Krankheit als Weg betrachten soll, wird als gut gemeinter Ratschlag vorschnell von all jenen gegeben, denen es gerade gut genug geht, um solche Worte leichtfertig in den Mund zu nehmen. Wie unsagbar schwer es für den Kranken ist, diesen Ratschlag in die Tat umzusetzen, kann der Gesunde nicht einmal erahnen. Und dennoch liegt in diesem Spruch mehr Wahrheit als den meisten von uns bewusst ist.

Was uns davon abhält, die Erfahrung zu machen, dass uns eine Krankheit etwas über uns und unser Leben lehren kann, sind meistens wir selbst ganz alleine.
Die schwierigste Hürde ist die, die Kontrolle aufzugeben. Sich fallen zu lassen, mitten hineinzustürzen in das Elend, einzutauchen in einen absolut unkontrollierbaren Zustand und aus der Leere, die einen umgibt einen Moment der Ruhe zu gestalten, um sich neu zu erschaffen – oder vielleicht um sich wieder zu begegnen. An den Punkt zu kommen, an dem einem eine Krankheit als physische Manifestation des Unperfekten klar machen muss, dass man die Wertvorstellungen seiner selbst und den Plan für das eigene Leben vielleicht noch einmal überdenken sollte, birgt die Gefahr, daran zu zerbrechen, aber auch die Möglichkeit die Erfahrung zu machen, dass ein Neuanfang zu jedem Zeitpunkt des Lebens machbar und vor allem legitim ist.

“Durchhalten” erzählt von diesem Punkt und nähert sich den einschneidenden Erlebnissen einer solchen Zeit auf experimentelle Weise.

Auf Sprache wird – bis auf einen einrahmenden Monolog – größtenteils verzichtet, denn wo fängt man an zu erzählen, wenn man keine Worte findet für das, was in einem vorgeht. Vielmehr ist es das Bestreben der Autorin, durch eindrucksvolle Bilder ein Gefühl dafür zu geben, wie es in der Protagonistin aussieht.
Den Kampf mit sich selbst zu versinnbildlichen und die Angst davor, alles zu verlieren – den Partner, den Lebensinhalt, den Verstand, sich selbst – aber auch die Erfahrung, sich aus dem tiefsten Punkt seines bisherigen Lebens freizuschaufeln und den absoluten Nullpunkt als Befreiung erleben zu können – dafür ausdrucksstarke Bilder und Symbole zu finden, die das Erklären überflüssig machen, ist das Ziel dieses Films.

Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Szenenbild des Films.
Es unterstreicht durch den starken Kontrast zwischen den zwei “Welten” – Erinnerung und Realität – die Disharmonie, in welcher sich die Protagonistin befindet und findet über den gezielten Einsatz von Farbigkeiten und Anordnungen einen Weg, das auszudrücken, was Mia nicht zu sagen vermag.
Die Arbeit mit beweglichen Räumen spiegelt wieder, wie sehr sich die Protagonistin in sich gefangen fühlt und wie sehr die Krankheit ihre Psyche einschränkt und bedroht. Materialien, wie sie beispielsweise beim Sculpting verwendet werden, kommen zum Einsatz.
Hier eröffnen sich Möglichkeiten, die Darstellerin beispielsweise sprichwörtlich mit der Umgebung verschmelzen zu lassen.
Körper und Raum verwachsen miteinander und verdeutlichen den Verlust der Kontrolle über sich selbst, die Selbstaufgabe, die Unbeweglichkeit bis fast hin zum Stillstand, der sich nach und nach immer mehr mit der fortschreitenden Krankheit einstellt.

Um welche Krankheit es sich handelt, wird in keiner Weise angesprochen.
Dies ist eine bewusste Entscheidung, um den Betrachter nicht dazu zu verleiten, in vorgefertigten Klischees zu denken und zu empfinden.
Nahezu jede Krankheit trägt auch ein Stigma, wie sie von der Gesellschaft empfunden und bewertet wird. Auf die Diagnose Krebs wird beispielsweise mit großer Betroffenheit, Mitgefühl und Trauer reagiert, während einem Patienten mit Morpus Chron zwar Mitleid entgegengebracht wird, sein Gesundheitszustand aber weitaus weniger ernst genommen wird, da die Krankheit nicht zum Tode führt. Dass beide Patienten jedoch die gleiche Hilfosigkeit über ihre, aus schulmedizinischer Sicht unheilbare Krankheit erleben, bleibt vielen Aussenstehenden unverständlich und sorgt so für eine oft ungerechte Bewertung der beiden Lebensumstände.
Um zu verhindern, dass vorschnelle Schlüsse und Beurteilungen abgegeben werden und sich der Betrachter nicht mehr voll und ganz auf die Emotionen einlassen kann, spielt es in dieser Arbeit keine Rolle, an welcher Krankheit die Protagonistin erkrankt ist.

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