Die Gesundung

“Die Krise ist der größte Segen, denn sie bringt Fortschritt. Wer eine Krise übersteht, überwindet sich selbst.” – Albert Einstein

Natürlich lässt sich so etwas immer leicht sagen, wenn man den anstrengendsten und schwierigsten Teil der Krise erst einmal hinter sich gebracht hat.
Aber in der Retrospektive findet man so viel Wahrheit in diesem Zitat.

Wenn man erst einmal an den Punkt gelangt ist, an dem man selbst weder vor noch zurück kann, an dem man das Gefühl hat, hier und jetzt auf der Stelle aufgeben zu wollen, dann greift man nach jedem noch so kleinen Strohhalm. Es ist ein herbes Zusammenspiel aus Ablehnung gegenüber immer neuen Methoden und Versuchen, weil man es leid ist zu scheitern und die Hoffnung immer wieder zerschmettert zu bekommen und dem Willen, alles, aber auch alles zu versuchen, weil man diesen Zustand so nicht mehr länger ertragen kann.

Auf dieser Seite soll nicht im Detail erläutert werden, wie die spezielle “Therapie” funktioniert – dafür entsteht nach dem Dreh eine separate Seite auf diesem Blog, auf der sich Betroffene und Interessierte umsehen und austauschen können und auf dem ganz persönliche Tipps gegeben werden. Bis dahin ist es aber auch nützlich und informativ, sich auf dieser Seite umzusehen. Sie war für mich am absoluten Tiefpunkt eben jener kleine Strohhalm, der alles veränderte.

Zum besseren Verständnis sei hier jedoch so viel gesagt, dass es sich im Groben bei der Therapie um eine Ernährungs- und ganzheitliche Lebensumstellung handelt – unabhängig vom Vorhandensein oder eben Nichtvorhandensein von Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Allergien. Man bekommt kein Wundermittel versprochen und man kriegt auch keine falschen Hoffnungen gemacht – wenn man sich für diesen Weg entscheidet, dann wird es kein Spaziergang. Er ist mit “Entzug” von bisher eingesetzten Medikamenten und mit Entgiftungen verbunden, er wird von Rückschlägen und Stolpersteinen nur so gepflastert sein, aber am Ende steht da die Aussicht auf ein Leben ohne Neurodermitis und diese Aussicht, auch wenn sie kein Versprechen ist, auch wenn sie einem niemand garantieren kann ist mehr, ist alles was das Leben am tiefsten Punkt noch lebenswert macht.
Man stellt sich wissentlich und willentlich darauf ein, dass sich die nächsten Monate Fortschritte und Rückschläge die Klinke in die Hand drücken.
Es ist eine gänzlich andere Entscheidung als die, Cortison zu nehmen. Man entscheidet sich bewusst dafür, nicht nur Symptome zu unterdrücken wenn sie auftreten, sondern die Ursache der Symptome zu bekämpfen und sich auf lange Sicht selbst zu heilen, wenn es sonst keiner kann oder will.

Hier soll, wie im Film, eher auf den emotionalen Aspekt eingegangen werden, der einer Gesundung, ganz gleich in welcher Weise sie geschieht, anhaftet.
Mit dem Aspekt des “Durchhalten”, der sich schon während der Krankheit wie ein roter Faden durch jeden Tag gezogen hat und der auch bei der Genesung jederzeit eine Rolle spielt. Denn gerade dann, wenn eine Genesung nicht geradlinig verläuft, wenn sie von Wechselbädern der Rückschritte und Fortschritte geprägt ist, braucht man weitaus mehr Kraft, als man zunächst vermutet, um nicht den Mut zu verlieren. Um nicht auf halber Strecke aufzugeben. Trifft man die Entscheidung, das Übel an der Wurzel zu packen – ohne wirklich zu wissen, ob es funktioniert – dann macht man sich oft keine Vorstellung davon, welch großes Unterfangen dies eigentlich ist.

So, wie man zuvor in der immer schlimmer werdenden Krankheit Tag um Tag versucht hat, den Kopf über Wasser zu halten um nicht unterzugehen, so bleibt genau dieses Strampeln und Kämpfen zunächst ein fester Bestandteil der Genesung. Und gerade der körperliche Aspekt ist in den ersten Monaten, ja im ersten halben Jahr, der einnehmendste Teil, bei dem man oft in Versuchung gerät der Erschöpfung zu erliegen und den einfacheren Weg zu wählen – doch vielleicht wieder Cortison zu nehmen, nur um mal eine Verschnaufpause zu bekommen. Gerade dann, wenn es einem über Wochen hinweg immer besser und besser ergeht, die Symptome immer mehr und mehr zurückgehen und dann plötzlich ein Rückschlag kommt, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht, hat man das Gefühl wieder ganz von Vorne beginnen zu müssen.
Es gibt ihn nicht, diesen einen Tag im Kalender, den man sich rot markieren und sagen kann “Ab heute geht es nur noch bergauf!” Man zweifelt und man strauchelt und man fragt sich, ob das alles am Ende wirklich funktionieren kann oder ob man sich ewig auf den Wellen zwischen Erfolg und Misserfolg hin und her schaukeln lassen muss bis man Seekrank wird.

Aber man hangelt sich von jedem noch so kleinen Fortschritt zum nächsten, man tröstet sich mit der Aussicht darauf, ein Leben ohne die Krankheit führen zu können, wenn man nur durchhält. Und schnell ist man erstaunt über die Erfolge. Die Veränderungen kommen manchmal überraschend schnell, aber durchweg ist es ein schleichender Gesundungsprozess den man natürlich zu Beginn sehr deutlich wahrnimmt, hofft und bangt und sich auch manchmal selbst unter Druck setzt.
Es raubt einem oft alle Kraft die man hat und ist so einnehmend, dass er ein fester Lebensinhalt geworden ist.
So fest, dass man lange Zeit eigentlich nur mit “kämpfen” beschäftigt ist, nur damit alles nötige zu tun, um weiter voran zu kommen.
Man ist zuweilen völlig eingenommen davon, auf sich zu achten und sein Leben umzukrempeln, danach auszurichten, was einem gut tut und was einen Fortschritt bringt.

Und plötzlich steht man vor dem Spiegel, sieht sich zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit wieder richtig selbst und vor lauter Fassungslosigkeit und Glück beginnt man zu weinen, weil einem schlagartig bewusst wird, was man hinter sich gebracht hat.

Was Gesundheit eigentlich wirklich bedeutet, unterscheidet sich mit Sicherheit von Krankheit zu Krankheit, aber auch ganz individuell von Person zu Person.
Mit einer Genesung verbindet sich nämlich noch weitaus mehr als das pure Ausbleiben von Symptomen. Lebensqualität, die im Laufe einer Krankheit verloren gegangen ist und die damit verknüpfte Lebensfreude, trägt einen großen Teil zum “Gesund sein” bei. Die Fähigkeiten, die man während der Krankheit verloren hat, die Charakterzüge, die unter den besonderen Umständen gelitten haben – all das braucht Zeit, um wieder zu Tage gefördert zu werden.

Man wird ein Anderer, wenn man so lange und so einnehmend krank ist.
Kein Schlechterer.
Kein Besserer.
Einfach nur anders.

Das anzunehmen und sich einzugestehen, dass man auch nach dem eigentlichen körperlichen Gesunden noch lange nicht “gesund” ist, nicht geheilt von diesen Erlebnissen, und sich die Zeit zu geben, sich wieder neu kennen zu lernen und Prioritäten anders zu setzen, ist eine weitere große Herausforderung, die viele Kranke nicht mit in ihre Heilung einplanen. Sie erwarten zu schnell zu viel von sich und ihren Mitmenschen und auf der anderen Seite erwarten auch ihre Mitmenschen zu schnell zu viel vom Kranken. Denn sind erst einmal die körperlichen Symptome verschwunden, ist es für viele Aussenstehende schwer nachzuvollziehen, dass der Mensch, der ihnen nun gegenübersteht noch weit entfernt davon ist, wirklich “gesund” zu sein. Dass ihr Gegenüber erst lernen muss, sich dem Leben wieder zu stellen, das eigene Leben wieder ganz neu zu formen und sich Themen und “dunklen Flecken” in der eigenen Lebensgeschichte ganz bewusst zu stellen und diese aufzuarbeiten, geht an vielen Aussenstehenden vorüber. Was es für einen Menschen bedeutet, wieder zur eigenen Lebensfreude, zur eigenen Kreativität zurück zu finden nachdem er sie gänzlich verloren glaubte, kann sich keiner vorstellen der diesen Zustand nicht schon selbst erlebt hat.

Eine Genesung in diesem Sinne ist ein langer und kräftezehrender Prozess, der sich noch weit über die körperliche Genesung hinauszieht.

Aber wenn man bereit ist, in dieser Herausforderung auch eine Chance zu sehen – die Chance, das eigene, einzigartige Leben für sich ganz persönlich lebenswert und glücklich zu gestalten und sich am Ende vielleicht noch mal von einer ganz neuen Seite kennen und lieben zu lernen – dann birgt dieser Weg viel mehr, als nur die Definition, dass Gesundheit das Fernbleiben von Krankheit ist.

One response to “Die Gesundung

  1. Vielen Dank für diesen tollen Text! Vieles von dem was du beschreibst habe ich auch so erlebt und erlebe es noch immer. Deine Erfahrung nimmt mir mein schlechtes Gewissen, mich manchmal nucht urückhalten zu können, wenn es juckt, die Krankheit nicht akzeptieren zu können und nicht weitermachen zu können als gehöre die Krankheit ganz selbstverständlich zu meinem Leben. Auch was du zum Schluss schreibst über die Zeit nach der körperlichen Genesung, kann ich mir, wenn ich es auch leider nicht nachvollziehen kann, gut vorstellen. Auch ich hatte während meiner nunmehr einjährigen Erkrankung kurze Erscheinungsfrei Phasen. Auch ohne Symptome sitzt einem die Angst vor einem plötzlichen Schub tief in den Knochen. Mich würde noch interessieten welche Therapie bei dir zum Erfolg geführt hat und welche Therapeuten du empfehlen kannst.

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